Ganz schön anspruchsvoll!
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Ganz schön anspruchsvoll!

Im Gesundheitswesen wird sich der Fachkräftemangel in den nächsten Jahren noch massiv verschärfen. Bis im Jahre 2020 soll es 25 000 Fachkräfte sein, die im Bereich Pflege fehlen! Erste Massnahmen sind die neuen Bildungslehrgänge, die in der Schweiz seit 2009 angeboten werden. So können heute Erwachsene, die bereits Erfahrung im Pflege und Betreuungssektor haben, eine 2-jährige Grundbildung als FaGe VL (Fachangestellte Gesundheit verkürzte Lehre) absolvieren. Die Klasse FAGE VL B schliesst ihre Ausbildung demnächst ab und wir wollten wissen, welche Erfahrungen sie während der Ausbildung machen konnten und wie sie ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt beurteilen.

fraufink: Ihr seid kurz vor Lehrabschluss, d.h. ihr bereitet euch jetzt auf euer QV (Qualifikationsverfahren) vor. Wie findet ihr genügend Zeit, um neben der Arbeit auch noch konzentriert Lernen zu können?

FAGE: Das ist schon anspruchsvoll für uns. Die meisten arbeiten 80% im Ausbildungsbetrieb und haben Familie. Dazu kommt das Lernen und der Besuch der Berufsfachschule. Man stiehlt sich halt die Zeit, wo immer es geht. Wenn die Familie zu Hause Unterstützung bietet wird der Rücken fürs Lernen freigehalten.

fraufink: Wie war es denn für euch, für die meisten ist es ja schon eine Weile her, plötzlich wieder in der Schulbank zu sitzen und Prüfungen schreiben zu müssen?

FAGE: Sehr unterschiedlich – die einen sind ja noch jüngere Kolleginnen und Kollegen, die gehen etwas entspannter an die Sache heran – die anfängliche Nervosität und Unruhe hat sich gelegt …

Für diejenigen die Deutsch als Fremdsprache haben, ist es allerdings schon sehr anspruchsvoll – das wurde klar unterschätzt. Allgemein als anspruchsvoll empfunden wird der ABU-Unterricht, speziell das Schreiben der VA (Vertiefungsarbeit). Wir würden es sehr begrüssen, wenn man den ABU bereits vorher abschliessen könnte – also ein Jahr vor Ausbildungsbeginn. Das würde viel Druck wegnehmen.

fraufink: Was war denn eigentlich eure Motivation, diese Lehre zu beginnnen? Ihr seid ja alle schon voll im Berufsleben integriert und habt eure Arbeit.

FAGE: Im Beruf weiterkommen, mehr Kompetenzen und Verantwortung zu bekommen. Mit dem neuen Fachwissen können wir den Pflegealltag verantwortungsbewusst mitgestalten. Einige von uns waren in der Sackgasse als Pflegeassistentin (1-jährige Ausbildung nach dem alten Bildungssystem), da waren wir unterfordert. Für andere von uns war es eine grosse Chance, endlich zu einem anerkannten Berufsabschluss mit eidgenössischer Anerkennung zu kommen. Unser Wert im Arbeitsmarkt ist dadurch deutlich gestiegen.

fraufink: Lohnt sich der Abschluss auch finanziell? Verdient ihr nachher mehr?

FAGE: Die meisten von uns bekommen mehr als vorher. Eine verdient deutlich mehr, sie steigt von Lohnklasse 3 in Lohnklasse 6 auf – das ist natürlich toll. Eine hat  „dank“ dem Arbeitskräftemangel erfolgreich eine Lohnverhandlung geführt. Aber fast überall ist der Lohn kantonal geregelt. Wir haben gemerkt, dass jeder Betrieb über einen gewissen Spielraum verfügt, um gut ausgebildete Pflegefachkräfte in seinem Betrieb zu halten.

fraufink: Das heisst sowohl die Arbeits- wie die Lohnsituation verbessert sich merklich?

FAGE: Bis jetzt ist dies für die meisten von uns nicht spürbar. Wir arbeiten unter sehr hohen Arbeitsbelastungen, d.h. auch, dass wir bei personellen Engpässen wie Krankheit und Kündigungen zusätzlich einspringen müssen. Mit den unregelmässigen Arbeitszeiten und dem Schichtbetrieb stellt die persönliche Ausbildungsplanung hohe Ansprüche an uns. Die betriebliche Unterstützung für eine Ausbildung wird innerhalb der Klasse als äussert unterschiedlich erlebt. Es gibt Betriebe, die sind stolz auf ihre älteren Lernenden im zweiten Bildungsweg und unterstützen sie in jeder Hinsicht. So sind diese z.Bsp. angestellt als Lernende und erhalten regelmässig Lernunterstützung zur Erlangung der Kompetenznachweise. Zusätzlich zum Lehrvertrag haben sie einen Weiterbildungsvertrag, der die Entlöhnung im bisherigen Rahmen garantiert und die Verpflichtungszeit nach der Ausbildung regelt. Finanziell wie psychisch fällt da schon mal ein grosser Druck weg.

Mit dem Artikel 32* gibt es aber einige Betriebe, die sich in Bezug auf die Verantwortung etwas zurücknehmen, d.h. es kümmert sie weniger, ob wir eine Ausbildung machen oder nicht, im Vordergrund steht das erfolgreiche Funktionieren im Job. Diejenigen, welche einen Lehrvertrag haben, sind mehrheitlich besser dran, da übernehmen die Betriebe die Ausbildungskosten. Ausserdem zählen die in der Berufsfachschule erzielten Noten auch im Qualifikationsverfahren. Mit dem Artikel 32 zählen leider nur die Noten des Abschlussverfahrens. Die Noten während der Ausbildung zeigen einem immerhin auf, wo man leistungsmässig steht und wie gut man mithalten kann. Leider ist es so, dass es den meisten Betrieben zuwenig bewusst ist, wie hoch die persönlichen Anstrengungen für eine Ausbildung sind und welchen Gewinn sie aus den Weiterbildungsanstrengungen ihrer Mitarbeiter ziehen könnten. Wir spüren auch oft, dass die Betriebe unser Vorwärtskommen, unser Lernen eher als Hürde im Alltag, denn als Bereicherung erleben. Aus unserer Sicht brauchen wir in der Langzeitpflege je länger je mehr gut ausgebildete Fachkräfte mit FaGe-Abschluss, da die diplomierten Pflegenden rar werden. Wir erlebten das ja schon während der Ausbildung: uns wurde deutlich Mehrverantwortung, und zwar schon in den ersten Semestern, übertragen (z.Bsp. Tagesverantwortung auf der Station). Das erleben wir als deutliche Diskrepanz zwischen Anerkennung der Ausbildung und Ausnützen des Arbeitseinsatzes.

fraufink: Das klingt aber nicht so gut, höre ich da Frust raus?

FAGE: Leider sind die Arbeits- und Ausbildungsbedingungen sowohl in Bezug auf die Verträge wie auch die Löhne in den Betrieben sehr unterschiedlich. Es wäre wünschenswert, wenn alle Betriebe wenigstens dieselben Lehrverträge hätten.

fraufink: Würdet ihr die FaGe-Ausbildung wieder machen?

FAGE: Einstimmig Ja! „Ich bin mit 55 Jahren die älteste hier in der Klasse und bin stolz auf mich, mein Selbstbewusstsein ist gewachsen, ich wurde von der Familie und im Betrieb voll unterstützt – für mich waren diese 2 Jahre, etwas vom Besten im Leben, das ich gemacht habe“.

„Die Ausbildung hat mich gestärkt und mir Mut gemacht für mein Leben das Beste anzustreben. Es war schon hart, als längst Erwachsene mit selbstständiger Lebensführung in die Rolle als Lernende zu schlüpfen, nur mit dem Lehrlingslohn die Ausbildung zu absolvieren und dabei die volle Arbeitsleistung als Pflegehilfe zu erbringen. Dank der Unterstützung meiner Familie habe ich die Ausbildung geschafft. Nun kann ich mit einem anerkannten Berufsabschluss meine nächste Arbeitsstelle bewusst auswählen und sogar eine Weiterbildung ins Auge fassen“.

fraufink: Besten Dank für das Gespräch, allen viel Erfolg beim QV und natürlich wünsche ich euch tolle Jobs, viel gute Herausforderungen und gute Anstellungsbedingungen – ihr habts euch echt verdient;)!

 

* Art 32: Dieser Artikel der Berufsbildungsverodnung regelt, wer ohne berufliche Grundbildung ein eidg. Fähigkeitszeugnis (EFZ) oder ein eid. Berufsattest (EBA) erwerben kann. Bewerber, welche die nötige Berufserfahrung und Qualifikationen mitbringen, können ohne einen Lehrvertrag, aber mit dem Einverständnis des Arbeitgebers, zu einer Ausbildung zugelassen werden.

2 0 2159 02 April, 2014 AKTIV April 2, 2014

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