Brigits Buchtipp
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Buchbesprechung2Das Seelenhaus
Selten hat mich ein Buch gleich von Beginn weg so in seinen Bann gezogen wie dieses!

Atmosphärisch dicht geschrieben, lässt einen das auf wahren Begebenheiten beruhende Debut der australischen Autorin Hannah Kent über die 1828 zum Tode verurteilte isländische Magd Agnes Magnúsdóttir nicht mehr los. Angeklagt des Mordes an ihrem Geliebten und einem zweiten Mann, verbringt sie die letzten Monate bis zur Vollstreckung ihres Todesurteils als Arbeitsmagd in einer einfachen Bauernfamilie auf dem Kornsáhof.

Während strengen Arbeitstagen und Gesprächen an langen Winterabenden beginnen sich die Grenzen zwischen ängstlicher Zurückhaltung und Abgrenzung gegenüber der verurteilten Mörderin langsam aufzulösen. Je mehr die Familie über die schwierigen Lebensumstände und die Tat beim Mithören der Gespräche zwischen Agnes und ihrem geistlichen Beistand, dem jungen Vikar Tóti, mitbekommt, umso mehr entwickelt sie Mitgefühl für die verschlossene junge Frau.

Das Buch handelt von der emotionalen Entwicklung der Protagonisten. Und es lebt von den inneren Monologen der zum Tode Verurteilten, von ihren Ängsten, ihrer Wut auf ihr Schicksal und ihrer Trauer über den mitverschuldeten Tod ihres Geliebten. Aber auch ihrer Gabe, sich zwischendurch ganz auf die ihr verbleibende Zeit einzulassen, nicht wissend, wann genau die Exekution vollzogen wird.

Als LeserIn bangt man mit, hofft mit ihr auf die Begnadigung durch den dänischen König, zu dessen Reich Island damals gehörte.

Die Charaktere sind genau und stimmig gezeichnet. Nicht nur die der Hauptperson, auch die der Nebenfiguren. Wie die des Vikars, der überfordert ist von der Situation und realisiert, dass das von Staat und Kirche vorgesehene gemeinsame Beten mit dem Ziel, die Verurteilte auf den rechten, gottesfürchtigen Weg zurück zu geleiten, nicht reicht als Seelsorge. Dass es Gespräche braucht und Zuhören.

Oder die Figur der Hausherrin Margrét, die als erste ihre abweisende Haltung überwindet und Agnes als von schwierigen Erfahrungen geprägten Menschen annehmen kann und – ausgelöst durch deren Schicksal – beginnt, sich den eigenen verdrängten Ängsten und Bedürfnissen zu stellen.

Trotzdem kippt das Buch nie in sozialromantische Einseitigkeit. Es zeigt die Menschen in ihrer Fehlbarkeit und ihrem Bemühen, gott- und gesellschaftsgefällig zu leben und doch immer wieder an der eigenen Unfähigkeit oder den persönlichen Widerständen zu scheitern.

Es gelingt der Autorin nicht nur die Personen lebensnah zu zeichnen, auch die gelungenen Beschreibungen der kargen Insellandschaft und des Alltags in den einfachen Torfhütten tragen zum raschen Eintauchen in diese schicksalshafte Geschichte bei.

Je mehr sich der Roman dem Ende zuneigt, umso stärker drängt sich die Frage auf, wie die Autorin den Lesenden aus dieser starken Geschichte „entlässt“.

Soviel sei verraten: Auch dies ist Hannah Kent meisterhaft gelungen.

 

Das Seelenhaus / Hannah Kent. – München : Droemer Knaur, 2014. – 382 S.

Text: Brigit Weiss

1 0 1401 27 Mai, 2015 Media Mai 27, 2015

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