Corona-Tagebuch einer FAGE-Lernenden – Teil 1
Corona-Tagebuch einer FAGE-Lernenden – Teil 1
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Corona-Tagebuch einer FAGE-Lernenden – Teil 1

Ich war so begeistert, als eine meiner FAGE-Lernenden mir ihren Beitrag zum schulischen Auftrag „Online-Tagebuch führen während der Corona-Pandemie“ zugesendet hat, dass ich sie spontan anfragte, diesen im GIBZ-Blog veröffentlichen zu dürfen.
Sie schildert frisch von der Leber weg während des ganzen Monats April ihre Eindrücke in dieser „verrückten“ Zeit.
Mich beeindruckt ihre empathische Haltung, aber auch ihre kritische Art die Probleme im Pflegeberuf, den Personalmangel im Gesundheitswesen und die Politik, konstruktiv zu hinterfragen.
Sie denkt ganzheitlich (Beitrag vom 20.4.; Weiteres Maskentragen im Zusammenhang mit nosokomialen Infektionen im Betrieb), ist witzig und humorvoll (Beitrag vom 21.4.; Kaffee trinken mit der Gesichtsmaske), aber auch sehr wohlwollend (Beitrag vom 4.4.;  worüber ich mich sehr gefreut habe😊).
Was diese junge Frau hier verfasst hat, ist ein Zeitzeugnis und ich danke ihr herzlich dafür.
Viel Freude beim Lesen wünscht Ihnen, R. Pauli


Corona Tagebuch

Mittwoch, 01.04.2020, 20:00
„1. April, das war alles nur ein Scherz, wir können alle wieder raus gehen, April April 😊“ Diesen „Witz“ habe ich heute nicht nur einmal gelesen bzw. gehört. Ich denke, ich bin nicht die Einzige, die sich darüber gefreut hätte, wenn dies der Wahrheit entsprochen hätte… Zu Anfang habe ich mich selbst noch relativ wenig damit befasst, da dieses Thema noch ziemlich weit weg war. Als dann am 13.03 die Nachricht kam, dass schweizweit alle Schulen bis zum 4.April geschlossen werden, habe auch ich realisiert, dass da eine schwierige Zeit auf uns zu kommt…

Nun, dies ist jetzt schon einige Wochen her und man merkt, dass sich die Leute langsam an die Situation gewöhnt haben. Beim Arbeiten merke ich es persönlich am meisten, wir haben kaum noch etwas zu tun. Alle geplanten Operationen wurden abgesagt, aufgrund dessen leeren sich die Zimmer aktuell immer mehr. Nur noch die wichtigsten Notfälle kommen rein. Die Folgen sind jetzt auch bei uns im Spital Kurzarbeit und vor allem: Minuszeiten! Diese „bauen wir im Moment auf“, um dann einspringen zu können, wenn die Krisenzeit rum ist und alles nachgeholt werden muss. Was ebenfalls einen riesen Unterschied macht, ist das Besuchsverbot, die Gänge sind vor allem am Abend wirklich menschenleer. Für die Patienten macht das den Aufenthalt zwar sicherer, aber sicherlich nicht einfacher…

Donnerstag, 02.04.2020, 21:00
Auf der Arbeit hat sich im Vergleich zu gestern nicht viel geändert, zwei Austritte, ein Eintritt und dem entsprechend nur eine Operation. Den Nachmittag durfte ich auf der  Station mit Lernen verbringen, da ich sonst nichts mehr zu tun gehabt hätte. Ich muss sagen, es war anfangs schon angenehm, das ruhige Arbeiten, aber so nach zwei Wochen wünsche ich mir so manch volle Station und vor allem die Schule wieder zurück…
Eine Nachricht aus Deutschland, hat mich heute besonders geschockt. In einem Altersheim haben sich 45 Bewohner mit dem Coronavirus angesteckt, davon sind bereits 22 verstorben. Diese Nachricht ist an sich schon schlimm genug, nun geht es aber noch weiter: Die örtliche Staatanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts einer fahrlässigen Tötung. Die Gründe für diese Anklage: extreme Pflegemissstände, katastrophale hygienische Zustände und ein zu spät veranlasster Besucherstopp. Meiner Meinung nach sind dies nur die Folgen von einem seit Jahren bekannten Problem in der Pflege (vor allem in Deutschland): Personalmangel aufgrund von schlechter Bezahlung. Das Traurige daran: genauso sieht es leider auch in unzähligen anderen Alters- und Pflegeheimen aus…

Freitag, 03.04.2020, 21:00
Heute habe ich spontan frei bekommen, da zu viel Personal geplant war. Daher konnte ich den Tag mehrheitlich zu Hause verbringen. Die freie Zeit habe ich genutzt, um am Vormittag einkaufen zu gehen, in der Hoffnung noch alles zu bekommen. Gelohnt hat es sich, die Dinge auf meiner Einkaufsliste waren noch alle vorhanden, ich habe mich aus Neugierde aber einfach mal darauf geachtet, welche Lebensmittel schon am Morgen nicht mehr vorhanden waren. Hefe, Toilettenpapier, Butter… die klassischen Dinge natürlich. Was mir lustigerweise dann aufgefallen ist, dass ich schon seit Wochen keine Zuckerpackungen mehr in den Regalen gesehen habe… Weiter ausverkauft waren Oreo Kekse, Nutella und Waffeln. Da zeigt sich, was die Schweizer Bevölkerung im Notfall zum Überleben braucht. Aber klar, bei einer kompletten Ausgangssperre braucht man auch Nervennahrung zu Hause 😉
Mein persönlicher Aufreger des Tages war folgende Nachricht: „USA sollen von Berlin bestellte Schutzmasken aus China abgefangen haben“ Wie egoistisch ist das denn bitte?! Es handle sich dabei um von der Berliner Polizei bestelle und bezahlte Lieferung von 200.000 FFP-2 Masken. Genaue Hintergründe dieser Tat seien aber noch nicht bekannt. Gewisse Städte in den USA haben seit einigen Tagen eine öffentliche Maskenpflicht eingeführt… Also meiner Meinung nach wäre dies bereits ein möglicher Grund. Mal schauen, was die weiteren Tage noch dazu bringen.

Samstag, 04.04.2020, 21:00
Vor knapp drei Wochen kam die Nachricht „alle Schulen schweizweit bis zum 04.04 geschlossen.“ Viele haben sich darüber gefreut, ich zu Beginn eigentlich auch. Ausschlafen, alles in Ruhe erledigen und sich die Zeit selber einteilen können. Aber schon in der zweiten Woche habe ich die Schulzeit schon sehr vermisst, dabei meine ich nicht unbedingt nur den Unterricht, natürlich nicht😉, sondern auch die Freunde, die lustigen Momente oder die wahren Geschichten aus dem Pflegealltag, die uns unsere Lehrpersonen manchmal erzählen und die den Unterricht erst richtig interessant machen. Ich denke, niemand von uns hätte gedacht, dass dieses Virus solch ein Ausmaß bei uns nimmt, dass wir nicht mehr zur Schule gehen können. Wie sagt man so schön: „Man weiß die Dinge erst zu schätzen, wenn sie weg sind.“ Meiner Meinung nach passt dieser Spruch gerade in viele alltägliche Lebenssituationen. Ich bleibe allerdings optimistisch und hoffe weiterhin auf den 19.April…

Montag, 06.04.2020, 20:15
Ich habe jetzt aufgrund der Home-Office Tage, einen ÜK Tag den ich zu Hause bleiben darf und den Osterfeiertagen fast zwei Wochen frei. Das heißt für mich viel Zeit für Lernen und für die Haustiere (und fürs Tagebuch schreiben😉). Die freie Zeit zu Hause nutze ich im Moment auch sehr intensiv für Sport (die „Strandfigur“ muss ja trotz Corona im Sommer vorhanden sein (mehr oder weniger)). Was mir heute beim Joggen extrem positiv aufgefallen ist, dass die Message „bitte halten Sie den 2m Mindestabstand ein“ so langsam wirklich bei der Bevölkerung angekommen ist. Die vielen Spaziergänger, die unterwegs haben zum Teil 4-5 Meter Bögen um mich gemacht und sind zum Teil auf die Straße oder auf die Wiese ausgewichen. Ebenfalls viele sind in einem Hauseingang stehen geblieben und haben gewartet bis ich vorbeigelaufen war. Ich persönlich achte auch sehr darauf Abstand zu halten, viele Situationen waren heute aber auch etwas „zu großzügig“ gemeint, was aber natürlich auf keinen Fall negativ ist. Ich find es gut so, wenn es dabei bleibt müssen wir uns sicherlich keine Gedanken bezüglich einer totalen Ausgangssperre machen.

Dienstag, 07.04.2020, 21:30
Der letzte Tag Home-Office vor den Ferien geschafft. Vielleicht auch der letzte Tag Home-Office überhaupt? Im Moment hoffen viele darauf das die Schulen nach den Frühlingferien wieder öffnen, ich natürlich auch. So langsam fehlt mir der geregelte Unterricht, die Freunde und der allgemeine „Kontakt zu Menschen“ wirklich… Bis dahin müssen die Ferien aber erstmal rum gehen, ich persönlich freue mich auf die zweite Ferienwoche, in der „darf“ ich nämlich arbeiten gehen. Außer dem wundervollen Wetter, welches es noch schwerer macht zuhause zu bleiben, gibt es nichts worüber ich heute berichten könnte. Daher schreibe ich morgen nach der Arbeit weiter.

Mittwoch, 08.04.2020, 21:00
Im Spital haben wir seit gestern totale Maskenpflicht. Die Regelung: „Ihr kommt morgens auf Station, zieht eine Maske an uns zieht sie erst unten in der Garderobe wieder aus.“ Grund für diese Maßnahme ist, dass sich leider schon einige Mitarbeiter mit dem Virus angesteckt haben, soweit geht es aber allen gut und sie können zuhause in Quarantäne gehen. Alles zu unserem eigenen Schutz und zum Schutz der Patienten. Nach einer gewissen Zeit fällt das Atmen schon etwas schwer, aber man gewöhnt sich relativ schnell daran. Viele bekommen auch Ausschlag im Gesicht…
Kleine Freuden in Alltag sind im Moment die täglichen Geschenke, die das Spital geschenkt bekommt, darunter Pizza, Schokolade, Riegel, Säfte und andere schöne Dinge, für die wir alle mehr als dankbar sind.

Donnerstag, 09.04.2020, 21:45
Heute in den Nachrichten: „Trump macht WHO für die Krise in den USA verantwortlich“ Ja nee – is klar… Er kriegt es selber nicht hin, sein Land zu schützen und auf einmal sind die anderen Schuld. Gestern zählten die USA fast 400.000 Infizierte, so viele wie in keinem anderen Land. Trump wurde bereits im Januar von seinem Geheimdienst vor der Krise gewarnt, er spielte die Gefahr allerdings runter. Hätte er es ernst genommen hätte er sich genug früh darauf vorbereiten können und somit auch sicher viele Menschenleben retten können. Die USA stehen gerade am Anfang der Krise, die Zahlen steigen rasant, die Krankenhäuser gehen an die Grenzen und alles woran er laut Medien gerade denkt, ist es die Wirtschaft wieder aufleben zu lassen. Er ist überzeugt das Amerika diese Krise schnell und locker überstehen wird, den Amerika ist ja so ein großartiges Land, das geht alles von alleine wieder. „America first“, sie stehen gerade an erster Stelle der Liste mit den meisten Infizierten- das ist aber auch alles…

Freitag, 10.04.2020, 20:00
Mein Alltag in den Ferien besteht zurzeit nur aus Sport, lernen und Musik (und einem total durcheinander geratenen Schlafrhythmus). Eigentlich kann ich froh sein, dass ich mal wirklich genug Zeit habe für Dinge, die sonst immer etwas zu kurz kommen. Aber nach ein paar Tagen würde ich so langsam schon gerne mal wieder arbeiten gehen…
Durch die viele Zeit zu Hause denke ich automatisch mehr über die aktuelle Lebenssituation nach, wie viele Dinge für uns selbstverständlich sind, die auf einmal fehlen. Dazu gehört auch der Kontakt zu unseren Freunden, Arbeitskollegen und Verwandten, die kleinen Dinge sollte man wirklich mehr schätzen. Gut, meine Verwandtschaft wohnt eh ca. neun Stunden entfernt von hier, aber auch ich telefoniere zurzeit um einiges mehr mit meiner Großmutter als vorher, einfach um zu wissen wie es ihr geht. Ich werde in der Zeit nach dem Lockdown auf jeden Fall mehr mit meinen Freunden unternehmen und die Zeit um einiges mehr genießen als vorher.

Montag, 13.04.2020, 20:00
Wir haben heute eine Wanderung ums Ägerital gemacht. Dem wunderschönen Wetter entsprechend, waren sehr viele Leute unterwegs. Einfach eine Runde laufen oder Biken zu gehen ist ja kein Problem, im Gegenteil, zu dieser Zeit ist es sogar sehr wichtig. Aber gewisse Grillstellen waren so überfüllt mit Familien und Menschengruppen, dass das so schon wirklich nicht mehr erlaubt gewesen wäre… Dabei wurde bei jeder größeren Grillstelle ein Schild mit den Regeln des BAG aufgestellt. Bei diesem Wetter konnte ich natürlich auch nicht zuhause sitzen und nichts machen, aber wir waren einfach draußen, haben uns bewegt ohne groß Pause zu machen oder uns mit anderen Leuten zu treffen. Osterwocheende und hammer Wetter, ich find es ja selber schwer zuhause zu bleiben, aber es wäre doch nicht zu viel verlangt gewesen zu Hause den Grill an zu schmeißen?

Dienstag, 14.04.2020, 19:30
„Spekulation um Coronavirus: Ist es einem Labor entwichen?“, diese Schlagzeile wirft ein anderes Licht auf die aktuelle Situation. Vor drei Jahren wurde im chinesischen Wuhan ein Hochsicherheitslabor für gefährliche Viren eröffnet. Dort soll sogar mit den gefährlichsten Mikroorganismen der Welt gearbeitet werden. Diese Tatsache stimmt schon einmal, doch ist dies wirklich der Grund für die Epidemie? Wäre ja schon ein großer Zufall…  Fachleute und Medien spekulieren derzeit noch über einen möglichen Zusammenhang. Ein weiterer verstärkender Fakt ist, dass US- Diplomaten in China bereit Anfang 2018 bereits vor dem Hochsicherheitslabor Wuhan gewarnt haben. Dort sollen bereits 2018 riskante Studien mit gefährlichen Coronaviren aus Fledermäusen durchgeführt worden sein und dabei sollen die Sicherheitsstandards kein großes Thema gewesen sein. Klare Beweise gibt es für diese Verschwörungstheorie noch nicht, ich persönlich finde sie aber sehr interessant und bin gespannt ob es in den kommenden Tagen neue Berichte dazu gibt.

Mittwoch, 15.04.2020, 20:00
Zwei von drei Corona-Betten stehen leer. Die Schweizer Spitäler waren super auf eine Corona-Welle vorbereitet, glücklicherweise trat diese bis jetzt noch nicht wirklich ein und ich persönlich glaube auch nicht, dass die Zahlen erneut steigen werden. Ich habe heute gelesen, dass allein in Zürich momentan 624 Betten zur Verfügung stehen. Davon sind zurzeit aber 475 leer, sie betreuen aktuell nur 50 Corona-Patienten. Ich finde es trotz diesen guten Nachrichte gut, dass die Spitäler den „normalen Betrieb“ noch nicht wieder aufnehmen, man weiß ja trotzdem nie, was noch kommt. Ich freue mich ehrlich gesagt darauf, nächste Woche wieder arbeiten zu gehen. Natürlich ist die Zeit zuhause auch schön und ich habe noch genug für die Schule zu tun, aber ich freue mich darauf mal wieder raus zu kommen und etwas zu tun zu haben.

Donnerstag, 16.04.2020, 21:00
ENDLICH! Unser Land kommt langsam wieder in Gang! Die Bundesratssitzung hat mich heute mehr als fröhlich gestimmt. Das was ich gestern geschrieben haben, passt zwar nicht wirklich dazu, worüber ich mich jetzt sehr freu – aber egal😊! Ab dem 27.April wird der normale Spitalbetrieb wieder aufgenommen und Coiffeur, Baumärkte, Blumengeschäfte und Gartencenter dürfen den Betrieb ebenfalls wieder starten. Also es ist nicht so, dass ich jetzt zum Coiffeur müsste (zum Glück war ich kurz vor dem Lockdown noch) oder etwas aus dem Baumarkt brauchte, aber es ist ein Schritt zurück in die Normalität. Und als wäre es nicht schon schön genug, dürfen die Schulen ab dem 11.Mai wieder öffnen (ich habe mich schon voll gefreut), leider kam dann ein paar Minuten später noch eine zusätzliche Info: „Und am 8.Juni dann Mittel-, Berufs– und Hochschulen.“ Na toll! Aber egal, wenigstes haben wir nun ein fixes Datum und es geht bergauf😊

Freitag, 17.04.2020, 20:15
Ich habe anfangs Jahr zwei Tickets für ein Konzert im Hallenstadion gekauft (Sunrise Avenue). Dieses sollte im Juli stattfinden. Damals mit voller Vorfreude, jetzt eher traurig… Heute kam eine E-Mail, dass das Konzert nun verschoben wurde. Auf Anfang April 2021. Naja, immerhin findet es ja trotzdem statt, richtig schlimm wäre es erst gewesen, wenn es ganz abgesagt worden wäre. So bleibt die Vorfreude, nun sogar noch etwas länger!
Worüber ich zurzeit auch noch froh bin ist, dass wir noch keine Ferien gebucht haben. Eigentlich wollten wir nach Italien. Ich glaube allerdings, dass trotz der langsamen Lockerungen, die Grenzen noch eine Weile geschlossen bleiben werden. Ich habe jetzt auch schon öfter von Freunden gehört, die meinen, die Grenzen würden dieses Jahr gar nicht mehr aufgehen. Daran glaube ich allerdings nicht. Ich hoffe noch auf den Sommer und sonst spätestes nach den Sommerferien.
Sonst gibt es heute nichts großartig Neues zu erzählen. Ich bin mal gespannt wie am Montag die Lage im Spital aussieht und was die nächste Woche noch so mit sich bringt.


Genug für heute – die Fortsetzung folgt morgen…

6 Kommentare deaktiviert für Corona-Tagebuch einer FAGE-Lernenden – Teil 1 411 14 Mai, 2020 AKTIV Mai 14, 2020

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