En heisse Tipp #9 - Reise in die italienische Seele
En heisse Tipp #9 – Reise in die italienische Seele
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En heisse Tipp #9 – Reise in die italienische Seele

Nichts, aber auch wirklich nichts gegen Elena Ferrante, die grosse (Un-)bekannte der gegenwärtigen italienischen Literturszene.

Aber unser südliches Nachbarland hat noch manch andere lesenswerte Autoren und Autorinnen hervorgebracht. Eine davon ist die römische Schriftstellerin und Drehbuchautorin Francesca Melandri. Nach zwei in Italien gefeierten Romanen, ist Alle ausser mir ist ihr drittes Werk und das zweite, das ins Deutsche übersetzt wurde (brilliant von Esther Hansen).

Dass Melandri an diesem Titel, der einen Zeitbogen von den dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts bis ins Heute spannt, zehn Jahre gearbeitet hat, merkt man dem Erzählfluss nicht an.
Wie aus einem Guss rollt sie die verdrängte italienische Kolonialgeschichte des 20. Jahrhunderts auf, verknüpft mit der Lebens- und Familiengeschichte des Staatsangestellten und Familienpatriarchen Attilio Profeti, einem vermeintlichen Partisanen, der in Wahrheit jedoch das in jener Zeit weit verbreitete faschistische Gedankengut vertritt, um seine persönliche Karriere voranzutreiben.

Melandri erzählt aus der Sicht der Lehrerin Ilaria, Profetis Tochter, die nicht nur ein Familiengeheimnis lüftet und sich im Laufe der Geschichte auf weitere unbekannte versteckte Seiten ihres einst charismatischen,  nun dementen, sterbenden Vaters einlässt.  Einlassen muss, als eines Tages ein gewisser Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti vor ihrer Türe steht, der sich als äthiopischer Enkel ihres Vaters vorstellt und nach einer strapaziösen, monatelangen Flucht endlich sein Ziel – die italienische Familie seines Vaters – erreicht hat.
Von diesem Moment an nimmt die Autorin die Lesenden mit auf eine Zeitreise und Spurensuche durch das faschistische Italien unter Mussolini und nach Äthiopien – wo ein grosser Teil des Romans spielt. Diese ist – wie bereits erwähnt – aufs engste verknüpft mit ihrer eigenen Familiengeschichte, mit dem (Doppel-)Leben ihres Vaters bis hin zur aktuellen politischen Situation in Italien (Stichwort Nepotismus).

Mit Alle ausser mir ist Melandri ein Wurf gelungen, der sich streckenweise spannend wie ein Krimi liest, dann wieder wie eine griechische (römische!) Familien-Tragödie,  eng verflochten mit den grausamen Machenschaften von Mussolinis Truppen und der unterdrückenden italienischen Kolonialpolitik in Ostafrika, hauptsächlich in Äthiopien. Eine unrühmliche Epoche, über die man auch im heutigen Italien lieber schweigt, sie verdrängt  oder Fakten umkehrt. Genauso, wie es Attilia Profeti sein Leben lang tat und damit meist ganz gut gefahren ist.

Der gut 600-seitige Roman ist kein “pageturner” im eigentlichen Sinn, dafür ist er im positiven Sinn zu komplex, zu politisch und zu vielschichtig. Er verlangt von den Lesenden, sich auf Themen einzulassen, die sie möglicherweise aus der Komfortzone holen: er beschreibt  begangene Kriegsgräuel in Äthiopien oder unmenschliche – aktuelle – Fluchterlebnisse. Gleichzeitig behandelt er aber eine Fülle von Themen, mit denen er eine breite Leserschaft anspricht: Familiengeheimnisse, Zeitgeschichte, Politik, Drama – kurz: ein grosser Roman, ein wichtiges Stück Zeitliteratur, das nicht zuletzt aufzeigt, wie die Folgen der europäischen Kolonialpolitik des vergangenen Jahrhunderts bis in die Gegenwart Wirkung zeigen.

Tipp & Text: Brigit Weiss, Mediathekarin GIBZ

Francesca Melandri: Alle, ausser mir
Wagenbach, 2018
608 Seiten
978-3-8031-3296-3
Signatur/Standort in Belletristik-Bereich der Mediathek: MELA

 

 

2 0 156 15 Januar, 2019 INFORMATIV Januar 15, 2019

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